Was wir uns sagen

Choir of Plants

Was wir uns sagen

Für Sonja Maria Schobinger

Daniela Engist

GEFÄSS

Der Krug im Zimmer wirkt, sagst du.

Was in einen Krug passt. Ein Krug lässt sich füllen. Lässt Fülle zu. Er füllt beide Hände, wenn man sie auf seine Wölbung legt. Ganz unseren Händen gemäss ist diese Form. Im mühelosen Zustand haben wir Schalenhände, schöpfende Hände haben wir Menschen für Wasser und Speise, und um sie zärtlich um andere Hände zu legen oder auf Wangen oder einen gewölbten Leib. Der Krug ist weiblich. Er öffnet sich und empfängt, er nimmt auf und gibt aus. Die Natur füllt den Krug, prächtig, überbordend, folgt Gesetzmässigkeiten: der Schwerkraft und dem Licht, von beiden unwiderstehlich angezogen.

LICHT

Da ist Licht auch im Dunklen, sagst du.

Die Verbindungen zwischen den Atomen lockern sich, die feste Verfugtheit scheint sich aufzulösen, als wollten die Gegenstände, die Pflanzen in einen anderen Aggregatszustand wechseln, da tut sich etwas auf, ein schmaler Riss, aus dem etwas aufscheinen kann, dem Energie entströmt. Erleuchtung. Das Objekt beginnt von innen zu leuchten, aus sich heraus. Durchsicht. Schwebezustand.

LITERATUR

Wenn ich lese, verkörpert sich die Sprache, sagst du.

Wenn ich schreibe, geht das, was vor den Worten liegt, ein in den Text. Wer dafür offen ist, kann empfangen und aufnehmen und ausgeben. Neue Bilder schöpfen. Ein energetischer Zustand übersetzt sich in den nächsten. Aus Geistigem wird Körperliches, Traumbilder sammeln sich wie Destillate an durchsichtigen Oberflächen, das Körperliche vergeistigt. 

EXPERIMENT

Eine einzige Blattader verändert alles, sagst du.

Ich stelle dich mir vor. Arbeitend. Im Atelier unter dem Dach. Unten auf dem Küchentisch noch der Krug, die Pflanze, die du aufgenommen hast. Auf dem Weg nach oben bist du am Spiegel vorbeigegangen. Du überlässt dich dem Zufall, dabei ist nichts zufällig. Magie ohne Hokuspokus. Es geht ums Wesentliche. Wo sich das Wesen zeigt, entsteht Schönheit. Nicht umgekehrt.

SELBSTPORTRAIT

Rosen sind viel zu verschlossen, sagst du.

Sich verschliessen, sich öffnen, sich zeigen, sich verbergen. Wer schaut? Wer schaut, sieht. Sieht was? Körper und Pflanzen. Heilpflanzen. Wer sieht was? Den männlichen Blick haben wir gelernt. Frauen schauen auch, sage ich, nur anders. Was wir sehen, zeigt mehr von uns selbst als von dem anderen. Wer heilt wen? Was muss heilen?

(Daniela Engist ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie veröffentlicht Romane, Kurzprosa und Erzählungen. www.daniela-engist.de)