«Stets versetzt mich die Fotografie in Erstaunen (…)»

Roland Barthes: Die helle Kammer

Wenn ich die Pflanzen fotografiere, leuchten sie von innen.

Von Martin R. Dean

Was ich auf den Fotos von Sonja Maria Schobinger sehe, ist nicht mehr. Es

ist einmal gewesen, es wurde von ihr gesehen und festgehalten. Ich entdecke in

dem Moment, in dem mein Blick auf die Bilder fällt, etwas Neues. Vielleicht

habe ich das, was ich da sehe, vergessen. Oder ich habe es noch nie gesehen:

die Fotografie kreiert eine neue Welt, die deswegen fasziniert, weil sie eine

unbestimmte, vage Erinnerung in uns wachruft. Vielleicht ist es, so paradox das

klingen mag, die Erinnerung an etwas, das es nie gegeben hat.

Die «Natur» ist etwas, das es nie gegeben hat. Es hat sie immer nur im

Blick, in der Erfahrung, in der Bewegung des Menschen gegeben. Wer durch

einen Wald rennt, erschafft den Wald. Wer auf einen Berg steigt, erschafft den

Berg. Wer den Himmel malt wie William Turner, erschafft den Himmel. Die

Fotografie ist immer eine Art von Totenkult. Da wir nicht wissen können, ob

«etwas» noch lebt oder schon tot ist, oszilliert jedes Foto zwischen dem Toten

und dem Lebendigen.

In besonderem Masse betrifft dies die Gattung des Stilllebens, auch des

fotografischen Stilllebens. Das gemalte Stillleben hält Totes (Abwesendes) mit2

den Mitteln der Malerei, das fotografische Stillleben mit den Mitteln der

Fotographie fest. In beiden Fällen werden leblose, unbewegte Gegenstände wie

Blumen, Pflanzen oder anderes ansprechend dargestellt. Ein Blumenstrauss

spricht uns deswegen an, weil er uns «lebendig» entgegentritt. Wir suchen in der

Kunst den Dialog, also das, was uns anspricht. Es steht zu vermuten, dass wir

deswegen Kunst machen und konsumieren, um unsere Lebendigkeit zu erhalten.

Ebenso suchen wir die Gesellschaft lebhafter Menschen, um selber lebendiger

zu werden oder bleiben.

Die Kunst (die Fotografie), schreibt Roland Barthes, habe etwas mit

«Auferstehung» zu tun. Man könnte es auch die Verlebendigung des

Abwesenden nennen.

In den Bildern der Fotografin Sonja Maria Schobinger herrscht dieses

besondere Licht der Schöpfung. Ich würde es ein auratisches Licht nennen.

Manchmal sind es Blüten, die hervortreten, dann sind es Farben, die ins Auge

stechen, oder es sind Arrangements, die mich nicht mehr loslassen. In

gesteigertem Masse sind die gepflückten Blumen «nature mortes» und

formulieren eine Schönheit, die es nur im Angesicht des Toten gibt. Es mag für

viele verstörend sein, wie «schön» die Stillleben Sonja Maria Schobingers

daherkommen. Dabei verhält es sich gerade umgekehrt.

Sonja Maria Schobingers Schönheiten sind kunstgemacht und deswegen ist

das Licht, das sie beherbergen (das Licht wohnt in den Fotos) ebenso anmutig

wie epiphanisch. Es ist das Licht aus dem Jenseits, das die Szenerie in ein

falsches, trügerisches Paradies verwandelt. Die Pflanzenarrangements sind

ebenso abstrakt, wie sie in äusserster Präzision konkret sind. Fast immer gibt es

in diesen Bildern der Fotografin jenen Umkippunkt, in dem aus dem Schönen,

das Ausdruck gesteigerter Lebendigkeit ist, etwas Totes wird. Egal, ob uns die

Blumen und Blütenblätter an innere Organe, an abstrakte Zeichnungen, an

Geschlechtsteile oder an Mikrostrukturen unbekannter Organismen erinnern,

ihre Ausdruckskraft beziehen sie von einem Licht, das nicht von dieser Welt ist.3

Reine Artifizialität wird im Angesicht des Vegetativen zu jenem Paradoxon, das

inszenierte Vergänglichkeit (z.B. in Still live no 21) ausdrückt. Besonders

anschaulich auch in den Fotografien mit dem Titel «Moon light» (2012) oder

«Moon flower» (2016), in denen der kalte Rausch den todessüchtigen Blick

erfasst.

Was Roland Barthes zutiefst beunruhigte, war seine Entdeckung, dass das

«punctum» auch eine zeitliche Dimension hat. Die Fotografie bildet also nicht

nur das Gewesensein ab, sondern öffnet die Sicht auf eine Zukunft hin, in der

etwas nicht mehr sein wird.

So sind Sonja Maria Schobingers Bilder auch als Studien einer

untergehenden Natur zu verstehen. Einer Natur, die nie (mehr) so schön sein

wird, weil wir sie zerstören. Sie sind also Epiphanien einer Untergangszenerie,

in denen das Absterben der Natur buchstäblich im «natur morte» aufgehoben

wird. Denn das Schöne ist immer das Verlorene, dem wir nachtrauern.

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