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Einführung in die Ausstellung „Tides of Light“ – Gezeiten des Lichts
Fotografien von Sonja Maria Schobinger
Wie Ebbe und Flut fliesst das Licht durch die Arbeiten Sonja Maria Schobingers.
Von ihren Anfängen als Fotografin in Selbstportraits als Selbstvergewisserung einer heranwachsenden Frau bis zu ihren neueren Aufnahmen lichtdurchfluteter Baumkronen und sich auflösender Blütenblätter.
Am Anfang steht die Suche einer jungen Frau nach ihrem individuellen Raum in dieser Welt. Die Schwarzweissfotografien zeigen in eindringlicher Weise ihren kritischen und suchenden Blick auf sich selbst als junge Frau, auf ihre Persönlichkeit und auf ihr erstes Zuhause, im Innen ebenso wie im Aussen. Dadurch wird deutlich, dass Sonja Maria Schobinger von Anbeginn ihrer künstlerischen Entwicklung Mitte der 1980er Jahre Fotografin ist. Im Labor hat sie zunächst neugierig experimentierend die Möglichkeiten der analogen Fotografie in Silbergelatine Prints erforscht. Später hat Sonja Maria Schobinger dann auf ihrer künstlerischen Suche das Universum der digitalen Fotografie ausgelotet, um sich aber immer wieder auf traditionelle, künstlerische Techniken, wie etwa das Zeichnen, zu besinnen, dies aber mit den technischen Möglichkeiten am Computerbildschirm zu praktizieren. Die Kamera ist ein bedeutendes technisches Instrument, um tastend diese Welt und sich selbst zu erforschen. Gleichzeitig ist es (heute) nicht das Technische an der Fotografie, welches die Künstlerin interessiert. Ihre Suche gilt der Substanz jenseits der Materie, sie leuchtet äusserst differenziert einzelne Augenblicke aus und hält in ihren Bildern die Flüchtigkeit des Momentes fest.
Die Langzeit(forschungs)projekte Sonja Maria Schobingers entwickeln sich über Jahrzehnte in thematischen Gruppen: frühe Selbstportraits in Coming of Age, Anthemis Nobilis, Still Lifes, Flowers und Trees.
In dem Langzeitprojekt Anthemis Nobilis sehen wir einen weiblichen Körper, den Körper der Künstlerin, der von Pflanzen umhüllt und geschützt wird. Sonja Maria Schobinger hat für diese Werkgruppe auf historischen, handkolorierten Glasdiapositiven, die ihr von den Brüdern Bert und Walter Siegfried für ihre künstlerische Arbeit überlassen wurden, des 1865 in Tschechien geborenen Josef Hanel „I. H.“ in den Anfängen der Fotografie festgehaltene Pflanzen mit Aufnahmen ihres Körpers verwoben. Die Präsenz des weiblichen Körpers ist mehr zu ahnen als zu sehen. Die Konturen werden eingehüllt von verschiedensten Pflanzen, etwa einem Mistelzweig, Brombeeren, Erdbeeren, Veilchen und zarten Ästen unterschiedlichster Bäume. Die Künstlerin sucht in ihren Bildfindungen nach dem Wesen der jeweiligen Pflanze und deren harmonischem Pendant. Auf diese Weise entstehen sehr fragile Bildschichtungen, die das Auge des Betrachters herausfordern, aber die Perspektive nicht verzerren. Diese Schichtungen erzeugen eine gewisse Bildspannung. Gleichzeitig stellen diese durch die Beziehung zwischen historischen Pflanzenfotografien und analogen Fotografien der Werkgruppe Coming of Age durch die Technik der Digitalisierung unterschiedliche Zeitschichtungen im Werk der Künstlerin dar: Vergangenheit und Gegenwart, das Festhalten eines Augenblicks und das Dokumentieren von Veränderungen im Zeitablauf. Die Pflanzen geben durch ihre ganz spezifischen und individuellen Qualitäten eine Umhüllung des verletzbaren Körpers, dadurch Schutz und Heilung. Zugleich betten sie den menschlichen Organismus in die Kräfte der Natur und einen Kreislauf des Lebens ein.
Die Stilllebenfotografie in der Werkgruppe Still Lifes knüpft einerseits an historische Vorbilder der flämischen Malerei, die Aufnahmen von Bäumen an japanische Farbholzschnitte an, beide setzen andererseits aber durch Licht und Farbkontraste sowie ungewöhnliche Gefässformen zeitgenössische Akzente. Gleichzeitig verschmelzen die Genres der Malerei, der Zeichnung und der Fotografie. Es scheint als sei die Künstlerin auf der Suche nach der Essenz des Lebendigen, den formenden Kräften jenseits der Materie. Denn die blühenden Zweige und Blumenbouquets sind zwar in den Gefässen aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten gebündelt, scheinen aber aus diesen und über diese hinauszuwachsen. Das Licht spiegelt sich auf der Oberfläche der Materie, gleichzeitig löst diese sich in den transparenten Blütenblättern auf.
In dem Moment, in dem ein Blütenblatt durchleuchtet oder das in hellen Farben schimmernde Blätterdach eines Baumes transparent wird, wird das Licht, das Immaterielle, sichtbar. Und an dieser Stelle begegnen wir wieder der Fotografin hinter der Kameralinse, die sehr sensibel und präzise den Zauber des Moments ausleuchtet und die Geheimnisse des Seins erforscht.
Dr. Astrid Bextermöller,
Kunstvermittlerin, Kunsthistorikerin, Helvetia Kunstversicherungen, Basel
«Stets versetzt mich die Fotografie in Erstaunen (…)»
Roland Barthes: Die helle Kammer
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Wenn ich die Pflanzen fotografiere, leuchten sie von innen.
Von Martin R. Dean
Was ich auf den Fotos von Sonja Maria Schobinger sehe, ist nicht mehr. Es
ist einmal gewesen, es wurde von ihr gesehen und festgehalten. Ich entdecke in
dem Moment, in dem mein Blick auf die Bilder fällt, etwas Neues. Vielleicht
habe ich das, was ich da sehe, vergessen. Oder ich habe es noch nie gesehen:
die Fotografie kreiert eine neue Welt, die deswegen fasziniert, weil sie eine
unbestimmte, vage Erinnerung in uns wachruft. Vielleicht ist es, so paradox das
klingen mag, die Erinnerung an etwas, das es nie gegeben hat.
Die «Natur» ist etwas, das es nie gegeben hat. Es hat sie immer nur im
Blick, in der Erfahrung, in der Bewegung des Menschen gegeben. Wer durch
einen Wald rennt, erschafft den Wald. Wer auf einen Berg steigt, erschafft den
Berg. Wer den Himmel malt wie William Turner, erschafft den Himmel. Die
Fotografie ist immer eine Art von Totenkult. Da wir nicht wissen können, ob
«etwas» noch lebt oder schon tot ist, oszilliert jedes Foto zwischen dem Toten
und dem Lebendigen.
In besonderem Masse betrifft dies die Gattung des Stilllebens, auch des
fotografischen Stilllebens. Das gemalte Stillleben hält Totes (Abwesendes) mit2
den Mitteln der Malerei, das fotografische Stillleben mit den Mitteln der
Fotographie fest. In beiden Fällen werden leblose, unbewegte Gegenstände wie
Blumen, Pflanzen oder anderes ansprechend dargestellt. Ein Blumenstrauss
spricht uns deswegen an, weil er uns «lebendig» entgegentritt. Wir suchen in der
Kunst den Dialog, also das, was uns anspricht. Es steht zu vermuten, dass wir
deswegen Kunst machen und konsumieren, um unsere Lebendigkeit zu erhalten.
Ebenso suchen wir die Gesellschaft lebhafter Menschen, um selber lebendiger
zu werden oder bleiben.
Die Kunst (die Fotografie), schreibt Roland Barthes, habe etwas mit
«Auferstehung» zu tun. Man könnte es auch die Verlebendigung des
Abwesenden nennen.
In den Bildern der Fotografin Sonja Maria Schobinger herrscht dieses
besondere Licht der Schöpfung. Ich würde es ein auratisches Licht nennen.
Manchmal sind es Blüten, die hervortreten, dann sind es Farben, die ins Auge
stechen, oder es sind Arrangements, die mich nicht mehr loslassen. In
gesteigertem Masse sind die gepflückten Blumen «nature mortes» und
formulieren eine Schönheit, die es nur im Angesicht des Toten gibt. Es mag für
viele verstörend sein, wie «schön» die Stillleben Sonja Maria Schobingers
daherkommen. Dabei verhält es sich gerade umgekehrt.
Sonja Maria Schobingers Schönheiten sind kunstgemacht und deswegen ist
das Licht, das sie beherbergen (das Licht wohnt in den Fotos) ebenso anmutig
wie epiphanisch. Es ist das Licht aus dem Jenseits, das die Szenerie in ein
falsches, trügerisches Paradies verwandelt. Die Pflanzenarrangements sind
ebenso abstrakt, wie sie in äusserster Präzision konkret sind. Fast immer gibt es
in diesen Bildern der Fotografin jenen Umkippunkt, in dem aus dem Schönen,
das Ausdruck gesteigerter Lebendigkeit ist, etwas Totes wird. Egal, ob uns die
Blumen und Blütenblätter an innere Organe, an abstrakte Zeichnungen, an
Geschlechtsteile oder an Mikrostrukturen unbekannter Organismen erinnern,
ihre Ausdruckskraft beziehen sie von einem Licht, das nicht von dieser Welt ist.3
Reine Artifizialität wird im Angesicht des Vegetativen zu jenem Paradoxon, das
inszenierte Vergänglichkeit (z.B. in Still live no 21) ausdrückt. Besonders
anschaulich auch in den Fotografien mit dem Titel «Moon light» (2012) oder
«Moon flower» (2016), in denen der kalte Rausch den todessüchtigen Blick
erfasst.
Was Roland Barthes zutiefst beunruhigte, war seine Entdeckung, dass das
«punctum» auch eine zeitliche Dimension hat. Die Fotografie bildet also nicht
nur das Gewesensein ab, sondern öffnet die Sicht auf eine Zukunft hin, in der
etwas nicht mehr sein wird.
So sind Sonja Maria Schobingers Bilder auch als Studien einer
untergehenden Natur zu verstehen. Einer Natur, die nie (mehr) so schön sein
wird, weil wir sie zerstören. Sie sind also Epiphanien einer Untergangszenerie,
in denen das Absterben der Natur buchstäblich im «natur morte» aufgehoben
wird. Denn das Schöne ist immer das Verlorene, dem wir nachtrauern.
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